Strasbourg – die Schöne, Politische, Mystische und der grüne Strahl

La Cathédrale Notre-Dame (Münster) - Strasbourg in der Nacht zu Ostern 2015. Bild: Andreas Bubrowski

La Cathédrale Notre-Dame (Münster) – Strasbourg in der Nacht zu Ostern 2015. Bild: Andreas Bubrowski

Strasbourg, Ostern 2015 – 1.000 Jahre ist es 2015 her, dass der Grundstein der romanischen Kirche in Strasbourg gelegt wurde aus der nach einem Kirchenbrand 1176 der Münster zu werden begann, dessen 142 Meter hohe Nordturm bis 1874 als das höchste Bauwerk der Menschheit galt. Strasbourg ist eine Schöne.

Strasbourg, die Schöne

Mag dieser Eindruck entstehen, weil scheinbar ausnahmslos ALLE Frauen der siebtgrößten Stadt Frankreichs (276.000 Einwohner) ein besonderes dekoratives, modisches Image pflegen? Selbst die kleine zerbrechlich wirkende alte Dame, die ihren Weg über den Domplatz mühsam Schritt um Schritt an einem Stock zu absolvieren hat. Die dezente erotische Ausstrahlung der sich ihrer Schönheit bewussten Frauen um sie herum ist bei ihr mit einer ausgesprochen schicken Kleidung und einem feinen, kaum bemerkbaren Make-up zu einer gereiften Würde sublimiert. Und Strasbourgs Männer? Vielleicht führt der schiere Neid die Hand des Verfassers, aber ihm schien es, dass die meisten seiner doch eigentlich privilegierten Artgenossen leichtsinniger Weise eine zweite Geliebte dabei zu haben scheinen – im Taschenformat, viereckig und abgegriffen, ein Smartphone. Keine zehn Minuten, dass ER nicht sein Telefon prüfend herauszog, während SIE diesen kurzen Moment den Blick schweifen ließ – enttäuscht ob der subtilen Missachtung, so schien es.

Strasbourg ist aber auch eine architektonische Schönheit. Nur wenige Minuten per Bahn oder Auto von Deutschland entfernt und man ist in einer anderen Welt. Plötzlich haben fast alle Häuser, die keine jüngeren Betonbauten sind, kleine Balkone und hölzerne Fensterläden. Zum kantigen, egomanischen Deutschland wirkt dieser erste Anblick wohltuend urgemütlich. Mal ein von Empathie geprägtes Klischee. Die wechselvolle Geschichte des Elsass, dessen Landeshauptstadt Strasbourg war und ist, mit alternierenden Zugehörigkeiten zu Deutschland oder Frankreich, hat im Stadtbild beeindruckende Spuren hinterlassen. Die Altstadt mittelalterlich französisch. Außen, etwa in Richtung Nordost, die „La Neustadt“, ist kaiserlich deutsch. Am Illufer gelegen dient dabei der Place de la République, ehemals Kaiserplatz, als Drehscheibe zwischen Alt- und Neustadt – aber für den Wanderer auch als Rastplatz. Die Bänke der kleinen Parkanlage rund um das Totendenkmal laden zum Verweilen ein. Hebt sich der Blick kann man die Prachtbauten kaiserdeutscher Vergangenheit bewundern, die heute – standesgemäß – von Behörden genutzt werden.

Strasbourg – die politische Dame Europas

Neun Jahr nach der – hoffentlich letzten – deutschen Annexion, wurde Strasbourg nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1949 – jetzt wieder zu Frankreich gehörend – zum Sitz des Europarates bestimmt. 1992 folgte der Sitz des Europäischen Parlaments. Seitdem ist Strasbourg die „Europastadt“ schlechthin. Auch mutiges politisches Engagement hat in Strasbourg lange Tradition. So warfen die Bürger von Strasbourg sage und schreibe schon 1262 den Bischof und sein Gefolge mit militärischen Mitteln aus ihrer Stadt. Sie hatten genug von der macht- und geldgierigen Dominanz des „Abgesandten des Herrn“. Und das etwa ein viertel Jahrtausend vor der Reformation, der sich die Stadt 1518 öffnete. Zuvor, Mitte des 15. Jahrhunderts, wirkte der westliche Erfinder des Buchdrucks, Johannes Gutenberg, zehn Jahre in Strasbourg.


DIE KATHEDRALE © arte.tv

Trotzdem blieben die Strasbourger tolerant gegenüber anderen Glaubenssystemen. Obwohl jetzt offiziell protestantisch, wurden römisch-katholische Gläubige toleriert. Toleranz, Offenheit, Pflege von Kultur und Bildung – alles Merkmale, die den „Geist von Europa“ bis heute prägen. Ob Strasbourg diesen überlieferten Geist auch als wirtschaftliches und politisches europäisches Machtzentrum des 21. Jahrhunderts bewahren kann? Die „Dame Europa“ hat sich scheinbar in den letzten Jahren eher dem frivolen Tanz um das „goldenen Euro-Kalb“ lustvoll hingegeben. Neuerdings lässt sie sich sogar als willige Dienerin in die Völkerrechtsbrüche und Globalmachtfantasien eines selbsterklärten „Weltführers“ einspannen – jeweils zum eigenen und nicht nur wirtschaftlichen Nachteil.

Strasbourgs La Cathédrale Notre-Dame (Münster) –
die Mystische und der grüne Strahl

Ostermesse an einem 1.000 Jahre alten Kirchenort, der noch dazu eine hunderte Jahre alte gotische Kathedrale ist, mit ihren in Stein gehauenen bildhaften Glyphen der physikalischen und spirituellen „Alchemie“, also der Verwandlung des GROBEN in das FEINE – auf der physischen, emotionalen und mentalen Ebene. Das ist echt eine Reise wert und war so 2015 auf der Welt nur in Strasbourg „zu haben“. Auch wenn man kein Christ ist und dem semi-mystischen Ritus der römisch-katholischen Ostermesse mit ihrem exaltierten Pathos wenig oder nichts abgewinnen kann – der Ort wurde und war dennoch ein Ort des Lichtes, sowohl im wörtlichen als auch im metaphysischen Sinne.

Mit nur einem Turm wirkt der Münster von Strasbourg zeitlos unfertig. Bild: Andreas Bubrowski

Mit nur einem Turm wirkt der Münster von Strasbourg zeitlos unfertig.
Bild: Andreas Bubrowski

Gut Tausend Menschen folgen über weite Strecken respektvoll stehend mit Hingabe der Prozedur. Selbst alte Menschen versuchen, so lange wie möglich auf den müden Beinen zu bleiben. Erst wenn die Erschöpfung unerträglich wird resignieren sie, sichtlich enttäuscht von sich selbst, und nehmen Platz. Zwei Mal kommt es in der mehr als zweistündigen Prozedur zu einem „segnet einander“. Rundherum werden Hände gereicht, begegnen einem Blicke voll göttlicher Demut und Empathie, erreichen Segenswünsche das Ohr. Man muss kein Wort Französisch kennen um dennoch alles zu verstehen. Da man ja leider nicht auf Französisch zu antworten vermag, deutsch sicher jetzt unpassend wäre, hält man die Klappe und nimmt mit einer irgendwie nachdrücklich dankbaren Verbeugung den Segen seiner Nachbarn an und gibt auf diese Weise das Gleiche schweigend zurück.

Dann der grüne Strahl. Da sitzt man zwei oder drei Armlängen davon entfernt – und bemerkt ihn beinahe nicht. Der magische grüne Strahl, der die Frühlings- oder Herbstsonne etwa vier Wochen lang um die Tag-und-Nacht-Gleiche herum (2015: 20. März und 23. September) durch den grünen Schuh des Juda, Sohn des Jakob, in einem Glasfenster des südlichen Seitenschiffs einfärbt, trifft exakt zur Tag-und-Nacht-Gleiche den Christuskopf des Kruzifixes an der Kanzel. Jetzt zu Ostern trifft der grüne Strahl in Bodennähe eine der zahlreichen Symbolfiguren. Und Dank eines deutschsprechenden Strasbourgers einen selbst. Plötzlich wie aus dem Nichts heraus wird der Verfasser auf Deutsch adressiert: „Und das ist der berühmte grüne Strahl!“ Die Blicke folgen der ausgestreckten Hand, nicht ohne zuvor dem freundlichen Helfer die eigene Überraschung ob des „Erkanntwerdens“ und der unvermittelten „Sehhilfe“ zu danken – auf Deutsch UND Französisch.

Routenplanung starten

Strasbourg/Straßburg

Während das grüne Licht nur wenigen Besuchern am Ende der Ostermesse aufzufallen schien, gab die ganze Zeit über ein breites, weit hin sichtbares Lichtband von schräg oben in den Chorraum hinein der ganzen Szenerie nicht nur sinnbildlich etwas göttlich Magisches. Wer sich einmal ernsthaft mit der Theorie der Chakren beschäftigt hat, dürfte bei dieser Ostermesse an diesem Ort keine Zweifel mehr an der Existenz dieser okkulten Energiezentren haben die in der astral-physischen Aura des Menschen rotieren. Das kann aber auch sonst beim Besuch des Münsters passieren. Einfach hinsetzen und still werden. ANDREAS BUBROWSKI

Schreibe einen Kommentar